Web 2.0 nervt

Schöne neue Online-Welt, auch wenn das sog. Web 2.0 nur das umsetzt, was zur Zeit schmalbrüstiger Modem-Verbindungen nicht machbar erschien. Wir überlegen, was noch alles mit Flash, AJAX und DHTML erstellt werden kann.

Aber sind die heutigen Web 2.0-Anwendungen nicht eine oft nutzlose und zeitfressende Angelegenheit? Blogs, das Urgestein der direkten Kommunikation mit dem Leser, sind oft genauso nützlich wie das Tagebuch eines Pubertierenden: Das macht zwar dem Schreiber Spaß und leitet sein Mitteilungs-, vielleicht auch Geltungsbedürfnis in einen stetigen Kanal. Wer hilft uns Lesern aber, die wirklich nützliche Information in der Masse zu finden?

Wer hat Lust und Zeit, seine Bookmarks online zu sammeln und zu pflegen. Im eigenen Browser geht das einfacher und eben auch offline. Was haben wir davon, diese Bookmarks anderen zur Verfügung zu stellen? Wenn ich einen Link gezielt weiterempfehle, weil mein Gegenüber ihn brauchen kann, erleichtere ich ihm die Arbeit. Wer wird schon irgendwelchen Schrott weiterempfehlen; eigentlich schickt man doch nur Links, die dem Empfänger gerade in einer bestimmten Situation nützen können. Mir ist so ein Link lieber, als wenn ich mich stundenlang durch Linkslisten eifriger Web 2-Nuller durcharbeiten muß. Eben handsortiert versus Masse.

Was sagt es über ein Bild oder ein Video aus, wenn es der Renner bei Youtube und Flickr ist? Oft kommen gerade dümmliche Werke der Gattung Pleiten, Pech und Pannen in die virtuellen Charts, statt das ein neuen Steven Spielberg entdeckt wird. Auf den ersten Blick könnte die geringe Einstiegshürde, die dem potentiellen Künstler den Zugang zur Öffentlichkeit leicht macht, jede Menge neuer Talente hervorzaubern. Digicam, Camcorder und kostenlose Software genügen, um sich auszudrücken. Ab mit dem Bild/Video in das entsprechende Portal.

Dann schlägt aber der Faktor Wisdom of the Crowd zu. Meist besprochen, meist angeklickt, meist weitergereicht wird eben nicht das vereinzelte künstlerisch wertvolle Produkt oder ein informatives Video, sondern alles, was dem einfachen Gemüt Spaß macht: Pleiten, Pech und Pannen. Dafür gibt es einen alten Spruch: Leute, esst mehr Sch***, 10 Milliarden Fliegen können nicht irren.

Web 2.0-Anwendungen bieten viel Potential, das leider in der Masse erstickt. Damit gehen Anwendungen, die eigentlich von der persönlichen Äußerung der Teilnehmer leben, den Weg der Suchmaschinen: Spam, Manipulation und die Unfähigkeit, mit der Menge der Beiträge sinnvoll umzugehen. Sie kranken mE daran, dass es für die Teilnehmer nur eine Einstiegshürde gibt: Technisches Verständnis. Wer mit dem Internet groß geworden ist, genügend Zeit und Mitteilungsbedürfnis hat, kann sich beteiligen. Qualitätskontrolle oder Evaluation gibt es nicht, denn 10 Milliarden Fliegen können ja nicht irren.

Was ist mit all denen, die nicht so vertraut mit dem Internet-Jargon sind, die vielleicht sinnvolle, qualifizierte Beiträge suchen oder kein Mitglied der Spaß-, sondern der Informationsgesellschaft sind? Hier müsste man das Web 2.0 neu erfinden oder ein paar Nachbardisziplinen bemühen:

  • Warum nicht kreative Köpfe, die sich im Internet-Denglisch nicht zurechtfinden, mit anwenderfreundlichen Hilfesystemen einbinden?
  • Oder ältere Teilnehmer mit barrierearmen, übersichtlichen Seiten entgegenkommen?
  • Oder sinnvolle Filter einsetzen, um das Material besser durchsuchbar zu machen? Wer auf Youtube einmal nach „Archaeology“ gesucht hat, weiß, dass hier nur haufenweise Schrott kommt, der mit dem Thema nichts zu tun hat.

Bis dahin versuchen wir, die Masse der unqualifizierten Information durch Feedreader übersichtlich aufzubereiten und hoffen, dass wir den entscheidenden Linktipp von den lieben Kollegen erhalten – oder vom guten, alten Google.

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Über Susanna Künzl

Seit 12 Jahren berate ich Unternehmen auf ihrem Weg ins Internet. Ziel ist eine Website, die den Kunden wie ein aktiver Mitarbeiter unterstützt. Mein persönlicher Schwerpunkt liegt auf den Content Management Systemen und ihrer Programmierung. Diese CMS sind meine Baustelle: TYPO3, Drupal, Wordpress und Joomla.

2 Gedanken zu „Web 2.0 nervt

  1. Arnim Leuschner

    web 2.0 entlang der heute damit assoziierten applikationen (blog, wiki, etc.) zu diskutieren springt aus meiner sicht zu kurz. web 2.0 steht für mich viel mehr für „internet als sozialisierungsinstrument“.

    jeder kann heute einen sender aufbauen; man ist nicht mehr auf die zusammenstellung (sortimentbildung) der alten Mediennetzwerke (Informationsverkäufer) angeweisen.

    vor allem setzt dieses „web 2.0“ aber auch einen scharfen schnitt unter die web-applikationen der ersten stunde, oder bewegt sich in web2.0-zeiten noch jemand in einem forum-system ala wbb?

    dieses „web2.0“ erlaubt aber vor allem unternehmen eine neue form der kundenansprache; warum sollte man die marketingspendings weiter in broadcast-tv-webung stecken, wenn man im internet seinen kunden viel näher sein kann? (schönes beispiel für solche web2.0-kundenansprachekonzeote ist der frosta-blog)…

    … für diejenigen, die aufgrund des alters oder des fehlenden technologiezugangs nicht mitkommen wird es aber schwer.

  2. Susanna Künzl Beitragsautor

    Ja, es gerade im Bereich der Zugänglichkeit ist noch viel Arbeit zu leisten. Hier sollte man weiterdenken, und eben auch auf der Konzeptschiene, denn wie auch Corporate Blogs könnten Web 2.0-Anwendungen in der interne Unternehmenskommunikation sehr nützlich sein. Was trotzdem nervt: Der Hype, der sich auf Spaßanwendungen stützt, die die Qualität des Internet als Informationsmedium weiter verwässern.

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