Russisches Roulette

Das Jahr neigt sich dem Ende zu, viele Dinge sind liegen geblieben. Links neben der Tastatur hat sich ein scheußlicher Haufen unerledigter Vorgänge, kleiner gelber Zettel und unbeantworteter Briefe/Anfragen gebildet. Eben alles, was man dahin legt, um es so bald wie möglich abzuarbeiten.

Dieser Haufen wird immer dicker und strahlt immer weniger Sex-Appeal aus. Er demotiviert und  verführt geradezu dazu, ihn wachsen und dann am liebsten für immer verstauben zu lassen. Hilft nichts: Im ungeliebten Haufen liegt vielleicht eine Kundenanfrage – eben mal schnell auf einen Wisch notiert, eine Aufforderung des Finanzamts, die Steuererklärung endlich abzugeben – sonst droht das beliebte Zwangsgeld – oder vielleicht auch ein heißer Anlagetipp, den wir so lange schon umsetzen wollten – hoffentlich ist das Papier nicht inzwischen mit dem Dax in unerschwingliche/unattraktive Höhen geklettert.

Es nützt nichts, sich zur Ordnung zu rufen, für die Zukunft mehr Selbstdisziplin zu schwören. So ein Haufen läßt sich nur schwer abtragen. Er schreit nach extremen Mitteln: Er braucht das Russische Roulette. Nein, man benötigt dazu keine Knarre, deren Trommel man dreht, dann abdrückt und hofft, dass nix in der Kammer war. Nur etwas Spieltrieb und den Fatalismus, einfach alles von diesem Haufen zu akzeptieren, was er zu bieten hat. Und es sinnvoll weiter zu verarbeiten. Der Fatalismus ist auch hier oberstes Gebot: Man nimmt eben, was gerade kommt.

Das ist zum Beispiel

  • Ein Kontoauszug: Mit den Belegen vergleichen, ggf. in die Buchhaltung eintragen und abheften.
  • Ein Ausdruck aus dem Internet: Wenn ich die Information noch brauchen kann, lese ich sie, hefte sie in den passenden Ordner oder gebe sie an den Kollegen weiter, der vielleicht etwas damit anfangen kann. Sonst: Ab damit in die Rundablage. Hier kann man ruhig großzügig sein, den Link hat man wahrscheinlich sowieso in den Bookmarks.
  • Eine Rechnung: Au weiah, hoffentlich ist die nicht zu alt. Bezahlen oder – wenn es die Zahlungsfrist erlaubt – ab damit in die Wiedervorlage.
  • Eine Anfrage: Kann ich sie beantworten, dann gleich raus damit (der Schreiber findet die Antwort dann am Montag in seiner Mailbox und freut sich). Fehlt mir noch eine Info, die ich am Montag im Büro holen muß: Wieder ein Fall für die Wiedervorlage.
  • Ein Link: Wieder mal ein heißer Tipp auf einem kleinen Zettel. Gleich anschauen, lesen, bookmarken oder vergessen. Der Zettel gehört in die Rundablage.
  • Eine Zeitschrift: Gleich lesen (wenn viel Zeit ist), zerlegen, wichtige Teile zum Thema abheften, an die Freundin weitergeben, den Veranstaltungstipp in den Kalender eintragen und weg mit dem Rest.
  • Material für ein laufendes Projekt: Habe ich Zeit genug, verarbeite ich es gleich. Wenn nicht, kommt es in die Materialsammlung zum Projekt und ein Termin in den Kalender, in dem ich mir eine Stunde für das Projekt reserviere.

So nimmt der Haufen kontinuierlich ab. Kleine Dinge, die kaum 5 Minuten dauern, wechseln mit größeren Aufgaben ab. Der Zufall regiert und motiviert. Man erledigt, was der Zufall (und die eigene Aufschieberitis) einem vorlegen. Diese Regel sind bei der Umsetzung wichtig:

  • Nichts kommt zurück auf den Haufen (oder auf einen neuen, "ganz speziellen" Haufen)
  • Alles wird erledigt, zur Erledigung vorbereitet, weitergeleitet oder bekommt einen ehrlich eingeschätzten Zeitraum mit fixem Termin für seine Erledigung, wenn die Aufgabe für den Augenblick zu groß ist oder wichtige "Zutaten" (Informationen, Unterlagen, Internetverbindung) gerade fehlen.
  • Dabei wird möglichst viel weggeworfen. Viele Dinge erledigen sich durch einen kritischen Blick (Werde ich das Rezept je nachkochen können? Werde ich den Reisetipp je befolgen wollen? Brauche ich diese Information wirklich?)

Viele Dinge lassen sich schon beim Eingang auf diese Weise erledigen. Eine E-Mail im Postfach kann man meist direkt beim Abholen beantworten, weiterleiten, löschen, statt sie nur mal eben provisorisch und zur Orientierung (=aus Neugier) anzuschauen und sich die Entscheidung für später aufzuheben. Wer wirklich nicht auf den Haufen links von der Tastatur verzichten kann, reserviert sich wöchentlich ein Stündchen für das – völlig ungefährliche, aber sehr befriedigende – Russische Roulette.